Inseln des Lichts
Vor zwei Wochen hat mich ein Schock getroffen. Bis dahin hatte ich – irgendwie, ohne es mir bewusst zu machen – geglaubt, dass die Dinge in der Welt und in meinem eigenen Leben sich letztlich immer wieder zum Guten wenden würden. Dann, plötzlich, wurde mir klar: Es kann gut sein, dass nicht alles wieder gut – ja vielleicht nichtmal wieder besser – wird.
Ökokrisen und kriegerische Auseinandersetzungen mit schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit nehmen dramatisch zu. Und die Menschen, die an der Macht sind, tragen eher dazu bei, dass sich die Lage verschlimmert. Auch in meinem eigenen Leben wird es nicht durchgehend besser: Menschen um mich herum werden krank, manche fühlen sich einsam, einige Freunde sind schon gestorben. Und auch in mir gibt es Leid, von dem ich nicht mehr glaube, dass ich es vollständig überwinden werde.
Ich muss an die erste edle Wahrheit des Buddha denken: „Leid ist unvermeidbar.“
Und doch – es liegt in der Natur der Zukunft, dass wir nicht wissen, wie sie sein wird. Der fast hundertjährige Bruder David Steindl-Rast betont, dass immer Überraschungen möglich sind. Wir wissen nie, was kommen wird, und sollten wirklich offen bleiben für alle Möglichkeiten. Gleichwohl sieht es so aus, als stünden wahrscheinlich dunkle Zeiten bevor – für Menschen und für andere fühlende Wesen: Tiere, Pflanzen, Flüsse.
Können wir das an uns heranlassen? Und wenn ja – wie können wir damit umgehen?
Für mich sind drei Aspekte wichtig.
1. Ich darf fühlen. Ich muss mich nicht verhärten oder betäuben. Ich darf traurig sein, meinen Kummer fühlen. Wo Trauer wirklich gefühlt werden kann, dort kann – trotz allem – auch Freude entstehen.
2. Ich muss nicht alles alleine tragen. Ich kann mich mit anderen verbinden und austauschen. Wir können einander halten.
3. Ich kann meinen Blick weiten. Auch wenn die Weltlage zunehmend in Dunkelheit versinkt, muss ich nicht nur das eigene Leid sehen. Ich kann zukünftige Generationen in meine Wahrnehmung einbeziehen. Dann spüre ich meine Aufgabe: Inseln des Lichts zu schaffen – jetzt, so gut ich kann. Und es gibt viele Menschen, die diese Arbeit gerade tun.
Was ich mit Inseln des Lichts meine
Inseln des Lichts sind Räume, die wir bewusst schaffen – oder die manchmal einfach entstehen. Räume, in denen wir uns verbunden fühlen: mit uns selbst, mit anderen Menschen, mit der Natur. Es gibt dort keine Hierarchie, kein Dominanzstreben, keine Bewertungen. Stattdessen gibt es Resonanz. Wir schwingen miteinander und mit der Welt.
Manchmal ist es schwer, das Herz für diese Schwingung zu öffnen. Wir tragen Angst in uns. Wir fühlen vielleicht Schmerz und Trauer. All das ist willkommen. Alle Erfahrungen dürfen da sein.
Wie entstehen Inseln des Lichts?
Sie entstehen, wenn wir zusammenkommen und uns auf eine tiefere Schwingung einlassen. Zum Beispiel, wenn wir:
- zusammen singen und tanzen
- offen und ehrlich miteinander sprechen
- einander wirklich zuhören
- einander halten
- mit der Natur in Verbindung gehen
- in den Körper und den Atem hineinspüren
- unsere Gefühle zulassen
- die Eile loslassen
- Taiji, Qigong oder Yoga praktizieren
- Aber natürlich auch Handeln: Gemeinschaftlich, friedlich und ökologisch
Inseln des Lichts entstehen nicht, wenn wir in Bildschirme starren, wenn wir hetzen, wenn wir kämpfen, recht haben wollen oder unachtsam durch die Welt gehen.
Sie können auch entstehen, wenn wir ganz allein sind – in der Meditation, im Wald, am Wasser.
Es ist gut, diese Momente bewusst wahrzunehmen und zu pflegen – und sich dabei zu erinnern: In diesem Augenblick tragen wir ein wenig dazu bei, dass die Welt insgesamt in einem besseren Zustand ist und wir hüten diese Seins-Qualität auch für die, die nach uns kommen.
