Das Lächeln des Holzschnitzers;
Eine daoistische Geschichte neu interpretiert.
Zhuang-zi´s Geschichte über einen Holzschnitzer der den Auftrag bekommt einen Glockenspielständer für den Kaiser herzustellen, gilt als eine der Schlüsselgeschichten zum Verständnis des daoistischen Denkens. Besonders im Zusammenhang mit dem Konzept von Wu Wei (Müheloses Handeln) wird sie immer wieder zitiert. Das Schöne an dieser Geschichte ist, dass sie konkret beschreibt, welche „Zutaten“ man braucht, um den offenen und freien Geistes- und Körperzustand zu erlangen, den Menschen, die Taijiquan, Qigong und andere innere Künste betreiben, sich wünschen.
Es ist nicht einfach, eine wirkliche Verbindung zwischen den faszinierenden, oft aber irgendwie abgehoben wirkenden Weisheiten der alten Geschichten und unserem konkreten Leben herzustellen. Genau dies ist aber die Aufgabe eines guten Lehrers. Er muss sozusagen Übersetzungsarbeit leisten – von den Weisheiten, Ideen und Konzepten der Tradition – hin zum direkten Erleben des Schülers. Dies ist auch die Intention dieses Textes.
Es gibt bestimmte universelle Themen mit denen wir konfrontiert werden, wenn wir in einen Zustand von Harmonie mit uns Selbst und unserer Umgebung gelangen wollen. Mit diesen Themen beschäftigen sich die Weisheitsgeschichten in allen Kulturen und allen Zeiten. Oft wird aber nur das Endprodukt oder die Realisation der jeweiligen Einsicht dargelegt, nicht aber der Weg dahin. Es ist schön, durch eine Geschichte eine inspirierende Einsicht zu bekommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich unser von Gewohnheiten und unbewussten Tendenzen geprägtes Alltagsleben verändert. Um wirklich ganzheitlich zu lernen, reicht es wohl nicht aus, eine bestimmte Übung oder Bewegungsabfolge regelmäßig und korrekt auszuführen. Es ist auch wichtig, unseren alltäglichen Gewohnheiten, Gedanken, Gefühlen und Handlungen so viel Achtsamkeit zu widmen, dass wir ein tieferes Verständnis unseres Lebens erlangen.
In diesem Text werde ich die Übersetzung von Martin Buber verwenden. Ich werde nicht versuchen, die Geschichte im historischen Kontext oder ausschließlich im Sinne der daoistischen Philosophie zu interpretieren. Im Gegenteil – ich werde die Inhalte, neu und direkt, aus meinem Verständnis heraus, ganz konkret auf die Frage beziehen, was wir jetzt daraus lernen können. Diese Perspektive ist natürlich subjektiv. Ich werde mich dabei nicht scheuen mein erlangtes Verständnis aus jahrelangen Erfahrungen als Taijilehrer, Psychotherapeut und spirituell Suchender und Lehrender zu nutzen und zu kombinieren. Um dem Leser etwas Einprägsames und direkt Nützliches zu geben, werde ich jedes Thema mit einem essenziellen Satz abschließen, in dem ich die Herausforderung, die das Thema an uns stellt, noch einmal verdichtet formuliere.
Hier also erst einmal die Geschichte:
Qing, der Meister der Holzarbeiter, schnitze einen Glockenspielständer. Als das Werk vollendet war, erschien das Werk allen, die es sahen, als sei es von Geistern geschaffen. Der Fürst Lu fragte den Meister: „Welches ist das Geheimnis deiner Kunst?“ „dein Untertan ist nur ein Handwerker“ antwortete Qing, „was für ein Geheimnis könnte er besitzen? Und doch ist da etwas. Als ich daran ging, den Glockenspielständer zu machen, hütete ich mich vor jeder Minderung meiner Lebenskraft. Ich sammelte mich, um meinen Geist zur unbedingten Ruhe zu bringen. Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den ich erwerben könnte, vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich allen Ruhm, den ich erlangen könnte, vergessen. Nach sieben Tagen hatte ich meine Glieder und meine Gestalt vergessen. Auch der Gedanke an deinen Hof, für den ich arbeiten sollte, war geschwunden. Da sammelte sich meine Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald. Ich sah die Formen der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte Form hatte, erschien mir der Glockenspielständer, und ich ging ans Werk. Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, hätte ich die Arbeit sein lassen müssen. Meine himmelsgeborene Art und die himmelsgeborene Art des Baums sammelten sich darauf. Was hier Geistern beigemessen wurde, ist darin allein begründet.“
Keine besonderen Geheimnisse
Die Geschichte beginnt damit, dass der Holzschnitzer sagt, er besitze keine besonderen Geheimnisse. Das scheint einfach die Bescheidenheit auszudrücken, die ein Holzschnitzer seinem Kaiser gegenüber zu haben hat. Da es sich aber um eine Weisheitsgeschichte handelt, gibt es hier sicherlich noch etwas mehr zu lernen. Tatsächlich ist das Ziel des daoistischen Weges eigentlich das Einfachste und Natürlichste was es überhaupt geben kann: Nämlich sich wirklich so sein zu lassen, wie man ist und mit der Welt um sich herum in Harmonie zu leben. Aus dieser Perspektive gibt es keine besonderen Geheimnisse zu enthüllen. Alles liegt direkt vor unserer Nase. Wenn wir uns öffnen für das Erleben unserer lebendigen Existenz im „Hier und Jetzt“ dann können wir fühlen, dass das eigentliche Wunder die Tatsache unserer Existenz selbst ist. Es ist ein Wunder, dass wir da sind, dass wir fühlen, reden, denken, atmen und wahrnehmen können. Wir sind eingebunden in eine Welt, über die wir eigentlich wenig wissen. Wenn wir uns wirklich für diese Erfahrungen öffnen, dann bleibt Staunen, Ehrfurcht und Freude übrig. Und das ist kein Geheimnis, es ist einfach die direkte Erfahrung dessen, was ist!
Strebe keine ungewöhnlichen Zustände an, oder warte auf das „Besondere“, sondern öffne dich für die direkte Erfahrung von dem, was du im jeweils aktuellen Moment deines Lebens wirklich spürst und erfährst.
Ich hütete mich vor jeder Minderung der Lebenskraft.
Dieser kleine Satz des Holzschnitzers betrifft den Bereich den die Chinesen Qi-Pflege oder Kultivierung nennen. Unser Energiehaushalt wird von sehr vielen Faktoren bestimmt: Was und wie viel wir essen, wie gut und lange wir schlafen, wie viel Stress in unserem Leben ist, ob und welche Übungen wir machen, unser Umgang mit Sexualität und von vielem mehr. Auch die Art und Weise, wie wir unsere Sozialkontakte gestalten, hat einen Einfluss. Wenn wir freundlich und respektvoll mit unseren Mitmenschen umgehen, wird man uns ebenso behandeln. Wir bleiben in unserer Energie und vergeuden sie nicht durch unnötige soziale Konflikte. All das trägt zur Gesundheit bei und bewirkt, dass unser Geist und unser Körper in einem guten stabilen energetischen Zustand bleiben und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, tiefere Erkenntnisse über das Leben und uns selbst zu erlangen.
Kümmere dich liebevoll um deinen Körper und deinen Geist und lebe in einer Weise, die dir Kraft und Energie gibt.
Den Geist sammeln und zur unbedingten Ruhe kommen
Das Sich-sammeln und Fokussieren ist immer die Voraussetzung für alles andere. Oder anders ausgedrückt: Wenn wir nicht wirklich präsent sind, können wir nichts erfahren und erreichen. Die Essenz aller meditativen Übungen ist, zu lernen, den umherwandernden Geist sanft und liebevoll immer wieder in die Achtsamkeit zu bringen. Als Focus der Sammlung kann vieles dienen – je nachdem, welche Übungen wir machen. Die Meditation auf den Atem hat sicherlich eine besondere Tradition und Kraft. Der Satz des Holzschnitzers geht aber noch weiter: Um den Geist zur „unbedingten Ruhe“ zu bringen. Wir können unseren Geist nicht aktiv durch Anstrengung zur Ruhe bringen. Die Ruhe ist ein Zustand der sich von alleine einstellt, wenn wir eine Weile in der klaren Fokussierung der Meditation bleiben und aufhören, uns unter Druck zu setzen. Die Tibeter vergleichen das mit der Oberfläche eines Sees, der von alleine zur Ruhe kommt, wenn man nicht mehr darin „herummplantscht“. Dann wird die Oberfläche nicht nur ruhig, sondern auch eine Spiegelfläche und das deutet auf die Dimension von tiefer Erkenntnis hin, um die es letztlich geht.
Suche immer wieder Momente der Stille und Sammlung, in denen du mit tieferen Schichten deines Wesens in Kontakt treten kannst.
Nach drei Tagen hatte ich allen Lohn, den ich erwerben könnte vergessen. Nach fünf Tagen hatte ich den Ruhm, den ich erlangen könnte, vergessen.
Ergeiz, Profitstreben und Sehnsucht nach Anerkennung sind natürlich Themen mit denen sich jeder auf dem Weg auseinandersetzen muss. Weder das ungehemmte Ausleben, noch die Unterdrückung dieser Bedürfnisse sind hilfreich. Was es eher braucht, ist das Annehmen und bewusste Umgehen mit diesen, besonders in unserer Kultur betonten, Strebungen. Wenn wir dabei wach bleiben, werden wir früher oder später erfahren, dass Anerkennung und Lohn von außen unser inneres Gefühl von Mangel, wenn überhaupt, nur temporär besänftigen kann. Wir werden begreifen müssen, was die Weisheitsgeschichten immer schon erzählten: Dass unser Wert und unsere Würde nicht in Erfolgen, Leistungen und Anerkennung zu finden sind. Sie sind in der Tatsache unserer Existenz selbst gegründet. Wir können dann immer noch Erfolg und Anerkennung haben und anstreben. Die eigentliche Nahrung für unseren Selbstwert kommt aber aus einer tieferen Quelle, nämlich aus dem, was die Buddhisten die Buddha-Natur nennen. Wiederum nützt uns alleine der Glauben oder die Einsicht, dass es diese tiefere Quelle gibt, nicht sehr viel, solange wir nicht die konkrete Erfahrung gemacht haben. Um diese Erfahrung aber zu machen, kommen wir nicht darum herum, uns mit den Gefühlen von Mangel und Selbstentwertung, die wie Schleier unseren wahren Wert verhüllen, auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, etwas zu tun, um unseren Wert und unsere Würde zu erlangen oder zu beweisen. Es geht darum, die psychischen, meist unbewussten Aktivitäten, die uns von unserem wahren Wert abschneiden, zu erkennen und ihnen dadurch die Macht zu nehmen. Wir erlangen unsere Würde dadurch, dass wir damit aufhören uns klein zu machen und nicht dadurch, dass wir uns anstrengen allen zu zeigen, dass wir doch groß und stark sind.
Zu verstehen, wie wir uns klein machen, ist ein längerer Prozess.
Im Rahmen dieses Textes möchte ich nur ein paar Hinweise zu diesem Thema einbringen:
Die Bewertung in Gut oder Schlecht und Richtig oder Falsch, wird in den meisten Weisheitstradition als ein Hindernis auf dem Weg angesehen. Das Gegenteil von Lohn ist Strafe und das dazugehörige Gefühl ist Schuld. Das Gegenteil von Ruhm ist Verachtung und Demütigung und das dazugehörige Gefühl ist Scham. Der Holzschnitzer beschreibt hier nichts Geringeres als dass Freiwerden von den psychischen Strukturen, die in der psychoanalytischen Sprache als Über-Ich und Ich-Ideal bezeichnet werden. Das Über-Ich kann man als den inneren Richter verstehen und das Ich-Ideal als das Ideal, das wir nie ganz erfüllen, weswegen es immer wieder Anlass zu Selbstkritik und Abwertung liefert. Beides sind psychische Kräfte, die, wenn sie unverstanden und destrukiv wirken, das Leben und die Entfaltungsmöglichkeiten von vielen Menschen stark beeinträchtigen. Beim Taiji und Qigong kommen wir mit diesem Phänomen in Kontakt, wenn Menschen stark damit beschäftigt sind „es“ richtig machen zu wollen, um Lob zu bekommen bzw. Angst davor haben, etwas falsch zu machen. Korrektur wird dann als Kritik verstanden. Mit dieser meist unbewussten Haltung, ist es unmöglich, Lernen als Entdeckungsreise ins Unbekannte und Fehlermachen als Material für Entwicklung und Wachstum zu verstehen. Unser Bildungssystem basiert meist auf dem Prinzip von Belohnung und Strafe. Gefühle von Schuld und Scham sind in unserer christlich geprägten Kultur besonders tief verwurzelt. Sie sind die Ursache für eine Menge Leiden, das wir im zwischenmenschlichen Bereich erfahren. Die Zunahme der depressiven Erkrankungen, welche man als Schuld- und Schamerkrankungen ansehen muss, ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es hier mit einem ernstzunehmenden Problem zu tun haben. Deswegen ist es um so wichtiger – wenn auch nicht leicht – die Freiheit des neugierigen prozessorientierten Entdeckens zurückzuerlangen.
Dazu will uns die Geschichte von Zhuang-zi einladen. Denn sowohl Weise als auch kleine Kinder haben keine Schuld- und Schamgefühle. Diese Gefühle kann/muss man nur haben, wenn man daran glaubt, ein der übrigen Welt gegenüberstehendes Individuum zu sein. Erst dann müssen und können wir uns vor den anderen schämen bzw. schuldig fühlen. Kleine Kinder haben dieses Bewusstsein noch nicht und Weise wissen, dass sie so verbunden mit der Welt sind, dass man von einem abgetrennten Ego nicht mehr sprechen kann. Deswegen kann man sagen, dass Schuld und Schamgefühle an der Wurzel der dualistischen Spaltung in Subjekt und Objekt liegen. Unser Glauben, ein von der Welt getrenntes Individuum zu sein, ist so wie der Glauben der Welle, vom Ozean getrennt zu sein, oder der Glauben des Blattes, es sei unabhängig und getrennt vom Baum. Dieser Glauben wird in den Weisheitstraditionen als die tiefe Ursache des menschlichen Leidens angesehen. In der christlichen Tradition wird dieser Zusammenhang in der Geschichte des Sündenfalls beschrieben. Die Geburtstunde des Menschseins, so wie wir es kennen – also die Vertreibung aus dem Paradies – ist die Erkenntnis von Gut und Böse. Der Sündenfall ist gleichzeitig die Geburt von Scham und Schuld (sie erkannten, dass sie nackt waren und verbargen ihr Angesicht vor Gott). Dieser Prozess vollzieht sich in unserem Leben immer wieder neu und bestimmt für viele Menschen das Lebensgefühl.
Das bewusste Umgehen mit Bewertungen, Scham und Schuldgefühlen ist am Anfang die Voraussetzung, sich überhaupt auf die Reise zu Harmonie und Freiheit machen zu können. Am Ende kann das Freiwerden von dem destruktiven Druck dieser Gefühle das Eingangstor ins ‚Paradies’, also in die Welt der Nicht-Dualität, sein.
Ob du es merkst oder nicht, du bist Eins mit dem Dao, der Buddha-Natur und ein „Kind Gottes“. Du bist ein kostbarer Mensch und kannst aufhören, dich klein zu machen und dich zu schämen und schuldig zu fühlen.
Nach sieben Tagen hatte ich meine Gestalt und meine Glieder vergessen.
Hier geht es wieder um den Zustand der Nicht-Dualität. Ich denke nicht, dass der Holzschnitzer den Kontakt und das Gefühl zu seinem Körper verloren hat, im Gegenteil: Er hat die dualistischen Begriffe ‚vergessen’ mit denen wir normalerweise unseren Körper unterteilen und abtrennen. Das heißt, die gedanklichen Strukturen, die uns ein bestimmtes Wirklichkeitsbild von unserem Körper und unserem Selbst vermitteln, haben sich gelockert. Dies ist also ein Schritt heraus aus der Begrenzung unseres Wirklichkeitserlebens durch Konzepte, Begriffe und Gedanken etc., hinein in eine direkte, sinnlich-offene Erfahrungswelt. Ging es bei dem Thema Lohn und Ruhm noch um die Ebene der Bewertung, geht es jetzt um etwas viel Grundsätzlicheres, nämlich um die Frage, wie wir überhaupt die Wirklichkeit erleben bzw. konstruieren. Diese ganze komplexe Thematik kann im Rahmen dieses Textes nur angedeutet werden. Denn es handelt sich ja dabei um eine der philosophischen Grundfragen der Menschheitsgeschichte. Ich möchte hier in einer vereinfachten Weise, die Sache aus der Perspektive der buddhistischen Wahrnehmungspsychologie darstellen. Nehmen wir als Beispiel einen angespannten Muskel. Wir können niemals den „angespannten Muskel“ an sich erfahren, da „angespannter Muskel“ ein Konzept im Denken ist und das ist etwas anderes als die direkte Erfahrung. Wir können aber durchaus etwas erfahren. Es gibt am Anfang einen direkten, frischen, sinnlichen Eindruck. Dieser aber vermischt sich im Allgemeinen blitzschnell und unbewusst mit der Benennung und dem Konzept: „angespannter Muskel“. Und dann kommt meist schnell die Bewertung hinzu: Angespannter Muskel ist schlecht und sollte weg sein usw. Wir erleben die ursprüngliche direkte Wahrnehmungsebene nicht mehr, sondern nur noch unser gefiltertes, interpretiertes und bewertetes Bild und halten es für die Wirklichkeit. Das Erleben eines angespannten Muskels ist also das Endprodukt eines komplexen Prozesses. In der konkreten Arbeit mit verspannten Menschen besteht die Lösung ja oft darin, sie aus der Interpretation und negativen Bewertung ihrer Anspannung heraus, in die direkte, sinnliche Erfahrung ihres Körpers zu führen. Wenn diese verzerrenden Prozesse schon bei einem so einfachen Konzept wie „angespannter Muskel“ wirken, kann man sich vorstellen, wie stark wir im Bereich unserer sozialen Wahrnehmungen und Beziehungen unsere eigene Illusion erschaffen. Je mehr wir aber an diese Illusionen glauben und nur noch in dem Endprodukt dieses Prozesses – also in unseren Interpretationen und Bewertungen – leben, desto mehr leben wir in der Vergangenheit und haben den Zugang zur frischen, direkten Erfahrung verloren. Aus diesem Grund wird immer wieder der Zustand des Kindes als Ziel angestrebt. Kinder sind offen.
Der Holzschnitzer hat den Weg von den kognitiven Unterteilungen und Benennungen zurück zur ursprünglichen direkten Erfahrung seines Körpers gemacht.
Lerne zu unterscheiden, zwischen direkten Wahrnehmungen, Interpretationen und Bewertungen.
Auch der Gedanke an deinen Hof, für den ich arbeiten sollte, war geschwunden.
Es lockern sich also nicht nur die Konzepte, Vorstellung und Kategorisierungen, die auf das Innenleben bezogen sind. Auch die auf die Außenwelt und sozialen Hierarchien bezogenen Begriffe haben keine Bedeutung mehr. Dies ist ein Grundbestandteil von Harmonie, Freiheit und Verwirklichung. Je mehr es uns gelingt, Kontakt mit unserer tiefen Wirklichkeit in unserem Inneren zu machen, desto mehr sehen wir auch die Tiefendimension in anderen Menschen. Wir sehen dann durch die äußeren Schichten (sozialer Status, Selbstdarstellung, Maske etc.) hindurch und erkennen das Menschliche an sich. Die indische Begrüßungsformel „Namaste“ kann man in unsere Sprache übersetzen: „Ich grüße den Bereich in dir, wo wir uns nicht unterscheiden“. Wenn wir wirklich zum Wesentlichen kommen, unterscheiden wir uns als Menschen nicht mehr viel. Wir wollen alle Unglück vermeiden und Glück erlangen. Aus der Perspektive der „Nicht-Dualität“ sind wir untrennbar miteinander verbunden und in einem größeren Ganzen verwoben. Man kann nicht sagen: Hier höre ich auf und fängst du an. Die Grenze ist fließend. Nur in der Sicht der dualistischen Illusion gibt es diese klare Trennungslinie.
Mache dir bewusst, dass du mit allen Menschen und letztlich mit allem verbunden bist und handle aus diesem Wissen heraus.
Da sammelte sich meine Kunst, von keinem Außen mehr gestört. Nun ging ich in den Hochwald.
Mit „Außen“ sind hier wohl zum einen die Ablenkungen der Außenwelt gemeint. Heute würde man sagen der Holzfäller legt sein Smartphone mal zur Seite. Zum anderen sind hier sicherlich auch die äußere Schichte der Persönlichkeit gemeint, von der er nun nicht mehr gestört ist. Es geht darum, sich so zu sammeln, dass wir in Kontakt kommen mit unserer eigenen tieferen Wirklichkeit und der tieferen Wirklichkeit der Dinge um uns herum. Wir beginnen das Wesentliche in den Dingen zu erkennen. Und das ist – wie das Wort Wesentlich schon sagt – immer ein fließender Prozess. Ein Lehrer von mir, der Sufimystiker Pir Vilayad Inayad Kahn, nannte das: „Sehen zu lernen, was durch die Dinge hindurch scheint“ und das ist aus der Sufiperspektive letztlich natürlich immer der oder die Geliebte, also Gott.
Lege dein Smartphone zur Seite und schaue die reale Welt um dich herum an. Erkenne das Wesen der Dinge als fließenden lebendigen Prozess.
Ich sah die Formen der Bäume an. Als ich einen erblickte, der die rechte Form hatte, erschien mir der Glockenspielständer, und ich ging ans Werk.
Hier wird wunderbar deutlich, wie die Nicht-Duale Aktivität funktioniert. Es ist ein entspannter, nicht-zielorientierter Öffnungsprozess für die Welt um uns herum und unsere Innenwelt. Es hat etwas mit Hingabe an das Leben selbst zu tun. Mir gefällt in diesem Zusammenhang der alte christliche Begriff der Gnade. Es ist ein Geschenk, das wir bekommen – nicht weil wir es uns erarbeitet haben, vielleicht nicht einmal, weil wir es gerechterweise verdienen, sondern weil wir den Mut haben, uns für Gott bzw. die direkte Erfahrung unseres Lebens ganz zu öffnen. Es ist die Möglichkeit, in jedem Moment unseres Lebens wieder frisch und direkt und berührbar zu sein. Jeder Moment bietet eine neue Möglichkeit. Egal, wie viele Jahre in alten Strukturen und Gefühlen wir gewohnheitsmäßig gekreist sind – jeder Moment hat das Potential der Öffnung. Deswegen ist in den Darstellungen des buddhistischen Rades der Wiedergeburten, in jedem Zustand ein Buddha abgebildet. Selbst in den wirrsten Zuständen liegt das Potential der Befreiung.
Der Holzschnitzer sah einfach die Form der Bäume an. Er suchte nicht nach einem geeigneten Baum für sein Werk. Das ist wirklich radikal: Einfach offen zu sein für das direkte Erleben der Wirklichkeit und dabei das Vertrauen zu haben, dass das, was sich in unserem Erleben zeigt, schon das Richtige sein wird.
Zhuang-zi betont hier noch einmal die Kraft der Intuition. Im Gegensatz zu rationalem zielgerichtetem Denken und Streben „erschien“ der Glockenspielständer einfach.
Mache dir bewusst, dass jeder Moment deines Lebens frisch ist und unermessliches Potential hat.
Hätte ich diesen Baum nicht gefunden, hätte ich die Arbeit sein lassen müssen.
Dieser Satz ist sehr wichtig, denn er macht deutlich, dass der Holzschnitzer wirklich ergebnisoffen war. Es hätte gut sein können, dass sich der Baum nicht gezeigt hätte und das wäre dann wahrscheinlich genauso gut gewesen. Das ist wahre Freiheit. Das ist der Zustand, in dem wir verstanden haben, dass das Gewahrwerden des Wunders des Lebens selbst tausendmal befriedigender ist, als die Tatsache, ob es immer so läuft wie wir es uns wünschen. Meistens sind wir im gegenteiligen Zustand: Uns geht’s gut, wenn die Dinge so laufen wie wir es uns wünschen und schlecht, wenn es nicht so läuft wie wir es gern hätten. Dabei vergessen wir häufig völlig uns am Leben selbst zu erfreuen. Menschen mit so genannten Nahtoderfahrungen berichten oft über diesen Effekt, dass die Freude darüber, lebendig zu sein, alle Sorgen und Grübeleien überstrahlt. Dann zählt nur noch das Wesentliche.
Erfreue dich an deiner lebendigen Existenz selbst, unabhängig davon, ob die Dinge immer so laufen wie du es gern hättest.
Meine himmelsgeborene Art und die himmelsgeborene Art des Baums sammelten sich darauf. Was hier Geistern beigemessen wurde, ist darin allein begründet.
Da Übersetzungen ja sowieso immer schon Interpretationen sind, möchte ich mir hier die Freiheit nehmen, mich nicht auf die Übersetzung von Martin Buber, sondern auf die des guten alten Richard Wilhelms zu beziehen. Der Begriff „himmelsgeborene Art“ erscheint mir zu sperrig. Richard Wilhelm übersetzt die Textstelle folgendermaßen: „Weil ich so meine Natur mit der Natur des Materials zusammenwirken ließ, deshalb halten es die Menschen für ein göttliches Werk“.
So wie wir Menschen uns aus der Perspektive des Dao in unserer Essenz nicht so sehr voneinander unterscheiden und stärker miteinander verbunden sind als wir gemeinhin glauben, so sind wir auch mit den Tieren und den Pflanzen verwoben. Man könnte sagen, dass die Lebendigkeit selbst, das Dao, oder Gott sich als Tier, als Pflanze, als Wolke, als Mensch, als Mann, als Frau, als Berg usw. manifestiert. Die Unterscheidung in diese einzelnen abgetrennten Konzepte vollziehen wir lediglich mit unserem denkenden Verstand – um die Welt handhabbar zu machen. In diesem Sinne verstanden, können wir, wenn wir mit unserer eigenen tiefsten Essenz Kontakt haben, durchaus mit einem Baum und dessen Essenz in Resonanz treten. Und wenn wir das tun, begeben wir uns in einen Seinsbereich, den man als transpersonal oder eben göttlich bezeichnen kann. Wenn wir in dieser Haltung Kunst machen, entstehen wunderbare Werke!
Zhuang-zi betont in seinem Werk immer wieder, dass wir viel weniger über uns selbst und unser Verhältnis zur Welt wissen, als wir glauben und dass unser rationaler Verstand eben nur sehr begrenzt in der Lage ist, die Tiefendimensionen unserer Existenz zu erfassen. Auch sein berühmtestes Gleichnis vom Menschen, der träumt er sei ein Schmetterling und der nach seinem vermeintlichen Erwachen nicht mehr sicher ist, ob er nun nicht eigentlich ein Schmetterling sei, der träumt, er sei ein Mensch, deutete auf diese tiefe Verwobenheit aller Dinge hin. Wir können letztlich nicht wissen, wer oder was wir sind. Die Erkenntnis dieses Nicht-Wissens können wir aber als Chance verstehen, als Möglichkeit, uns dem Mysterium unserer Existenz anzunähern. So können wir wieder neugierig werden und staunen wie ein Kind. Diese Öffnung kann auch bewirken, dass wir uns wieder an einfachen Dingen und an unserer Existenz selbst erfreuen können. Wir können dann lernen, mit uns selbst, unserem Planeten und unseren Mitmenschen liebevoll und respektvoll umzugehen.
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Wenn ein normaler Mensch Einsicht erlangt wird er ein Weiser,
wenn ein Weiser Einsicht erlangt wird er ein normaler Mensch.
Zen Spruch
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Zum Abschluss noch einmal eine Zusammenstellung der essenziellen Sätze:
1. Strebe keine ungewöhnlichen Zustände an, oder warte auf das „Besondere“, sondern öffne dich für die direkte Erfahrung von dem, was du im jeweils aktuellen Moment deines Lebens wirklich spürst und erfährst.
2. Kümmere dich liebevoll um deinen Körper und deinen Geist und lebe in einer Weise, die dir Kraft und Energie gibt.
3.Suche immer wieder Momente der Stille und Sammlung, in denen du mit tieferen Schichten deines Wesens in Kontakt treten kannst.
4.Ob du es merkst oder nicht, du bist Eins mit dem Dao, der Buddhanatur und ein „Kind Gottes“. Du bist ein kostbarer Mensch und kannst aufhören, dich klein zu machen, zu schämen und schuldig zu fühlen.
5. Lerne zu unterscheiden, zwischen direkten Wahrnehmungen, Interpretationen und Bewertungen
6. Mache dir bewusst, dass du mit allen Menschen und letztlich mit allem verbunden bist und handle aus diesem Wissen heraus
7. Lege dein Smartphone zur Seite und schaue die reale Welt um dich herum an. Erkenne das Wesen der Dinge als fließenden lebendigen Prozess.
8. Mache dir bewusst, dass jeder Moment deines Lebens frisch ist und unermessliches Potential hat.
9. Erfreue dich an deiner lebendigen Existenz selbst, unabhängig davon, ob die Dinge immer so laufen wie du es gern hättest.
