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was hat R. Descartes mit Taiji und Qigong zu tun?

Die Art und Weise wie wir die Welt, uns selbst und unseren Körper erleben ist nicht zufällig. Unser Selbst- und Welterleben ist geprägt von der Kultur in der wir aufgewachsen sind, den Erfahrungen, die wir in unserer persönlichen Lebensgeschichte gemacht haben und der Entwicklung der Menschheit überhaupt. In unserem alltäglichen Leben haben wir über diese vielfältigen Vernetzungen naturgemäß kein Bewusstsein. Wir leben unser Leben in unserer subjektiven Blase. Um uns selbst aber besser verstehen zu können, macht es Sinn, von Zeit zu Zeit einmal tiefer zu schauen.

In diesem Artikel möchte ich den Fragen nachgehen, wie die Geschichte unserer westlichen Kultur unser Körper- und Welterleben geprägt haben und wie sich das auf unsere Taiji- und Qigong-Praxis auswirkt. Ich möchte ein wenig die Unterschiede zwischen westlichem und chinesischem Denken beleuchten und der Frage nachgehen, wie/ob dieses vertiefte Verständnis konkret unsere Taiji- und Qigong Praxis intensivieren kann.

Westlichen Philosophie: Der Geist-Körper Dualismus

Ein prägendes Element des westlichen Denkens ist die Unterscheidung zwischen Körper und Geist bzw. Körper und Seele. Diese Trennung bekommen wir sozusagen schon mit der Muttermilch „eingeträufelt“. Sie prägt unser Selbst-, Körper- und Welterleben und beeinflusst deswegen auch die Art und Weise wie wir Taiji und Qigong praktizieren.

Es gibt einen interessanten Unterschied zwischen dem Begriff Leib und dem Begriff Körper. Das Wort Leib klingt etwas altertümlich, aber wir benutzen es durchaus. Wir sagen z.B., dass wir etwas „am eigenen Leib erfahren “. Wir sagen nicht, dass wir etwas am eigenen Körper erfahren. Wenn wir physiologische und neurologische Abläufe beschreiben, dann wird der Begriff Körper verwendet. Die Christen sprechen hingegen von der Auferstehung des Leibes und nicht von der Auferstehung des Körpers.

Das Wort Leib gibt es nur in der deutschen Sprache. Im Englischen (body) gibt es genauso wie im Französischen (corps) die Differenzierung zwischen Leib und Körper nicht.

Die etymologischen Wurzeln des Begriffs Leib liegen im althochdeutschen Wort „lib“, es ist verbunden mit der Bedeutung Leben und es wurde in der christlichen Tradition für den beseelten menschlichen Leib gebraucht. Während sich der lateinische Begriff „corpus“ (später: Körper) auf den unbeseelten Körper bezieht. Leib meinte also ursprünglich die innere „Fühl- und Erfahrungswelt“, während mit Körper ein distanziertes Objekt gemeint ist, das wir von außen betrachten und das uns gegenübersteht. Diese distanzierte Perspektive können wir erstaunlicher Weise auch unserem eigenen Körper gegenüber einnehmen und genau das lernen wir, durch Sozialisation in unserer Kultur.

Wir „Westler“ haben, die Seele bzw. den Geist (Innenwelt) getrennt vom Körper (Außenwelt). Die Seele oder der Geist kann den Körper benutzen und für seine Zwecke instrumentalisieren. Franz von Assisi (1182 – 1226) nennt seinen Körper dementsprechend Bruder Esel. Im günstigen Falle ist man ihm wohlgesonnen im ungünstigen Fall muss der störrische Esel gezwungen oder gar kasteit werden.

Die Auseinandersetzung mit dem Dualismus zwischen Geist und Körper bestimmt das abendländische Denken schon seit tausenden von Jahren. Schon die antiken Philosophen beschäftigten sich mit eben diesen Fragen. Platon (428 – 347 v. Chr.) und seine Freunde diskutierten darüber, ob es sich beim Mentalen (Geist, Seele, Bewusstsein) und beim Physischen (Körper, Leib, Gehirn) um verschieden Substanzen handele.

Spätestens mit Rene Descartes (1596 – 1650) hat sich schließlich die dualistische Auffassung durchgesetzt. Für ihn war Bewusstsein (res cognitas) und Materie (res extensa) getrennte Substanzen, die miteinander interagieren. Diese Trennung prägte die westliche Geistes- und Kulturgeschichte maßgeblich.

Bevor ich mich mit praktischen Aspekten dieser Trennung und der östlichen Perspektive beschäftige, möchte ich die Spur der Auseinandersetzung mit diesem Thema noch etwas weiterverfolgen. Denn es hat auch in der westlichen Philosophie, in der Neuzeit Ansätze gegeben die diese Dualität durchaus sehr kritisch betrachten und die stattdessen eine weiterreichende ganzheitliche Perspektive vermitteln, die uns als Taiji- und Qigong-Praktizierende inspirieren können.

Was die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema betrifft, sei hier vor allem Max Horkheimer (1895 – 1973) und Theodor Adorno (1903 – 1969) erwähnt. In ihrem Buch „Die Dialektik der Aufklärung“ (1947) vertreten sie die These, dass die Abwertung des Körpers und der leiblichen Erfahrung, die die gesamte abendländische Geschichte durchzieht, wesentlich dazu beiträgt, dass sich Herrschaftsverhältnisse im Christentum ebenso manifestieren konnten wie die Herrschaft des Kapitals im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Da der Körper ein Ding wurde, konnte man ihn besitzen, ausbeuten und manipulieren. Die Auswirkungen davon zeigen sich sowohl in der Abwertung körperlicher Arbeit, als auch in Werbung für den schönen vitalen Menschen, aber auch in der modernen Medizin. Dadurch, dass wir uns unserem eigenen Körper kontrollierend und distanziert gegenüberstellen können, können wir auch die Außenwelt beherrschen und sie „uns untertan machen“. Das ist die Grundlage des naturwissenschaftlich-technischen Denkens. Die schrecklichen Auswirkungen dieser Geisteshaltung können wir gerade jeden Tag in den Nachrichten verfolgen.

Übrigens auch Neurobiologie und Hirnforschung verbleiben meist in der Spaltung von Bewusstsein und Körper. Das Gehirn des Menschen kann zwar immer feiner vermessen und auch manipuliert werden, aber die Frage was Bewusstsein und subjektives Erleben eigentlich ist, bleibt – ich möchte sagen: Gott sei Dank – weiterhin ungeklärt. Auch in den aktuellen Diskussionen über künstliche Intelligenz spiegelt sich dieses Thema wider. Denn wir neigen dazu, zu vergessen, dass KI immer nur mit nur Begriffen, Daten und Sprache auf einer semantischen Ebene arbeiten kann, also bestenfalls mit Repräsentanzen von erlebter Wirklichkeit. Die direkte und eigentliche Erfahrung ist ihr nicht möglich. Eine KI kann z.B. sehr klug und elaboriert über Wut reden und vielleicht auch philosophieren. Sie kann aber keine Wut empfinden, denn dazu braucht es, nach allem was wir heute wissen, einen fühlenden Leib, also ein Herz das schlägt und Muskelspannung und Atemfrequenz die sich verändern. Wirkliche Intelligenz ist – wie wir heute aus der psychologischen Forschung wissen – keineswegs nur ein kognitives Geschehen.

Ein weiterer neuzeitlicher Philosoph Hermann Schmitz (1928 – 2021) der Begründer der der „Neuen Phänomenologie“ bedauert in seinen Schriften, dass das eigenleibliche Spüren der objektiven distanzierten Betrachtung des Körperlichen weichen musste und schreibt treffend:

der spürbare Leib ist zwischen Körper und Seele wie in eine Gletscherspalte gefallen“ (Hermann Schmitz (2010): kurze Einführung in die Neue Phänomenologie

Aus der Perspektive von Schmitz gibt es vor jeder Subjekt-Objekt Trennung, also auch vor jedem bewussten Selbst- und Welterleben schon ein subjektives „Bewußthaben“, das schon Säuglingen zugänglich ist und im Spüren der eigenen Leiblichkeit gründet.

Die gefühlte Leiblichkeit bestimmt unsere emotionale Befindlichkeit und sie bestimmt, ob wir uns wohl oder unwohl in der Welt fühlen. Und ich denke, dass auch die Qualität unserer Taiji- und Qigong-Praxis wesentlich davon bestimmt wird, ob/ wie der fühlende Kontakt zu unserm Körper stattfindet.

Psychologische Forschung: Über die Bedeutung von Körpergewahrsein

Körpergewahrsein nennt man in der psychologischen Forschung: Interozeptioen und die Fähigkeit in den eigenen Körper „hineinzuspüren“ wird interozeptive Sensibilität genannt.

Interozeption und Stress

Stress vermindert unsere Kontakt- und Fühlfähigkeit nach innen sowie nach außen. Da Stress ein Überlebensprogramm ist, geht es im Stress nicht darum eine besonders feine und sensible Innenwahrnehmung zu haben, sondern alle physiologischen Prozesse werden auf eine heftige und meist reflexhafte Notfallreaktion vorbereitet. Die „Denkmaschine“ wird hochgefahren, denn das Denken war in der Evolution unser Überlebensgarant. Die extremste Form von Stress nennen wir Trauma. In der Trauma Situation spaltet sich unser Bewusstsein tatsächlich vom Körper ab. Dieser Prozess wird auch Dissoziation genannt und kann als Nachwirkung von Trauma lange bestehen bleiben. Wir können davon ausgehen, dass das Nicht-Fühlen des eigenen Körpers und der eigenen Leiblichkeit in der westlichen Kultur, nicht nur Resultat der philosophischen Gedankenströmungen ist, die ich oben kurz skizziert habe, sondern ebenso von der Tatsache geprägt ist, dass unsere Geschichte voller Gewalt und Krieg ist. Diese Gewalterfahrungen haben mit Sicherheit kollektive Traumen erzeugt, die sich dann individuell in jedem von uns auswirken.

Für Menschen die Taiji, Qi Gong oder Achtsamkeit praktizieren oder lehren ist. Es wichtig über diese Zusammenhänge zu wissen. Denn sie erklären einige Dinge, die uns immer wieder begegnen. Das Bewusstsein über diese Zusammenhänge wird aber zunehmend größer. Es wird inzwischen unter dem Begriff traumasensible Achtsamkeit besprochen.

Interozeption und Emotionen

Es gibt zahlreiche Studien, die darauf hinweisen, das interozeptive Sensibilität einen großen Einfluss darauf hat, ob und wie wir Gefühle wie Trauer, Wut, Angst und Freude erleben und regulieren können. Erlebte Gefühle haben immer eine körperliche Komponente. Wenn die Fähigkeit in unseren Körper zu fühlen gering ist, dann können auch Emotionen nur eingeschränkt erlebt werden. Dies wird besonders deutlich bei der sich immer mehr ausbreitenden Krankheit der Depression. Professor Michalak konnte zeigen, dass depressive Menschen ihre depressive Struktur auch dadurch aufrechterhalten indem sie – abgespalten vom Körpererleben – in grübelnden Gedankenschleifen zirkulieren. Wenn es gelingt, die Aufmerksamkeit wieder auf das Körpererleben zu lenken, dann treten die grübelnden Gedanken in den Hintergrund und das Selbsterleben verändert sich positiv.

Auch aus diesem Grund werden achtsamkeitsbasierte Methoden, wie Taiji, Qigong, aber auch Yoga schon lange in psychosomatischen und therapeutischen Kliniken eingesetzt. Ich selbst unterrichte seit viele Jahren in einer psychosomatischen Klinik.

Chinesische und östliche Philosophie: Die Non-Duale Sicht

In der chinesischen Philosophie spielt die Frage nach dem der Körper-Geist Dualität kaum eine Rolle. Das chinesische Denken ist, im Unterschied zum westlichen Denken sehr viel weniger daran interessiert genau festzulegen und zu definieren was und warum etwas ist (Ontologische Fragestellung). Vielmehr gilt das Interesse der Frage wofür etwas da ist, welche Funktion es erfüllt und womit es verbunden ist.

Das was wir als Geist oder Seele bezeichnen, wird im chinesischen Denken in viele Konzepte und Aspekte differenziert (z.B. po, hun, shen, xing). Die Vorstellung von Geist geht schon immer über die individuelle Perspektive hinaus. Aus der daoistischen Sicht ist z.B. shen (Geist) eine überindividuell wirksame Kraft, ein Potential des Universums, das im menschlichen Herzen seine Wirksamkeit entfalten kann. Und Shen/ Geist ist wiederum, ebenso wie der Körper (materiell erscheinende Welt), eine – sich in verschiedenen Aggregatzuständen zeigende – Manifestation des universellen Qi.

Schon in dieser kurzen und natürlich oberflächlichen Darstellung der chinesischen Weltsicht wird klar, dass wir es hier mit einer Perspektive zu tun haben, die von Anfang an dualistisches Denken transzendiert. Es geht niemals um Yin oder Yang, ja nicht einmal um Yin und Yang, sondern immer um die Interaktion zwischen Yin und Yang. Die Natur des Universums ist Beziehung, Resonanz und Interaktion. Aus dem Wuji entsteht das Taiji, also die Möglichkeit von Beziehungen und Interaktionen und damit die „Welt der 10000 Dinge“. Unser westliches physikalischen Weltbild entspricht dieser Vorstellung ziemlich gut. Aus der Singularität entsteht mit dem Urknall die Polarität von Elektron und Proton und damit die Möglichkeit zu Beziehung und Resonanz. Weder ein Proton noch ein Elektron ist ein Ding, es sind lediglich die Pole, die Beziehung und Interaktion ermöglichen. Diese Beziehungen werden bei größeren Atomen und Molekülen immer komplexer. Es entsteht die Welt der 10000 Dinge. Wir können sagen, dass sowohl aus daoistischer, aus buddhistischer, aber auch aus der Perspektive der modernen Physik, das eigentliche was dieses Universum ausmacht, Beziehung und Resonanz ist, ein ewiges schwingende prozesshaftes Geschehen. Thich Nath Hanh nennt das „Intersein“ also das was dazwischen ist und verbindet.

Shi Shen, Yuan Shen und Non-Dualität

Die chinesische Medizin und Philosophie beschreiben die Zusammenhänge zwischen Geist, Körper und Energie auf vielschichtig und komplexe Weise. Ich möchte exemplarisch einen Aspekt herausgreifen, weil er für meine eigene Praxis eine besondere Rolle spielt und weil er das vernetzte Denken gut verdeutlicht, nämlich die Unterscheidung von Yuan Shen und Shi Shen. Yuan Shen können wir als ursprünglichen, vorgeburtlichen Geist (Yin) übersetzten und Shi Shen als erworbenen, nachgeburtlichen Geist (Yang).

Yuan Shen ist eine Qualität von Bewusstsein, die im Universum vorhanden ist oder vielleicht sogar die tiefe Natur des Universums ausmacht. Im Moment der Zeugung geht diese Qualität zusammen mit dem Jing (der Essenz) unserer Eltern in den Fötus über. Ich mag diese Vorstellung sehr, weil sie deutlich macht, dass Geist und Bewusstsein so viel mehr als der kleine selbstreflexive menschliche Geist sein kann. Wenn ich mir bewusst mache, was mit der befruchteten Eizelle, nun Zygote genannt, passiert, dann werde ich von einer tiefen Ehrfurcht ergriffen. Ich bin direkt bereit zu glauben, dass hier ein Geist am Wirken ist, von dessen Existenz die westliche Welt kaum etwas ahnt. Ich möchte hier nur ein paar Stichworte nennen: 4 Tage nach der Befruchtung haben sich 16, 32 schließlich 64 komplett identische Zellen gebildet (Morula). Diese beginnen sich nun auszudifferenzieren und zu vervielfältigen. Es entsteht schließlich ein Organismus mit ca. 100 Billionen Zellen, der sich noch einmal mit mindestens doppelt so vielen Kolonisten (Mikrobiom, Bakterien, Viren etc.) zusammentut und am Ende Selbstbewusstsein, einen Namen und wahrscheinlich Angst vor dem Tod hat.  Der entscheidende Punkt nun aber ist, dass wir keine Ahnung haben, welche Kräfte und Mechanismen da eigentlich am Wirken sind. Woher „wissen“ die ersten komplett identischen Zellen, welche Rolle ihnen in dem sich nun entfaltenden Differenzierungsgeschehen zukommt?  Denn es ist keineswegs einfach ein genetisches Programm das sich abspult. Mit der Entdeckung der Genetik können wir einen kleinen Aspekt dieses Prozesses verstehen, aber die eigentliche Kraft (Intelligenz?), die dieses unendlich komplexe sich entfaltende Wunder organisiert, ist uns ebenso unbekannt wie die Natur des Bewusstseins selbst. Und diese organisierende Kraft kann man mit dem in Beziehung bringen was die Chinesen Yuan Shen nennen. Wenn die Entwicklung des Organismus geling, dann entsteht ein individuelles erworbenes Bewusstsein. Dieses ist mit persönlichen Erfahrungen gekoppelt und wir können es Shi Shen nennen. Shi Shen, so wie ich es verstehe, beinhaltet sehr viel mehr als nur das was wir normalerweise als Ich-Bewusstsein bezeichnen. Es schließt auch unbewusste Prozesse und z.B. Prägungen unseres Nervensystems mit ein. Aber es beinhaltet eben auch das was wir „Ich“ nennen, also den Teil der Leiden erlebt, der sich immer wieder seine eigene Geschichte erzählt und sich getrennt vom Rest der Welt fühlt.  

Genau hier beginnt in meinem Verständnis ein Weg, der spirituellen Traditionen gemeinsam ist. Wir bemerken, dass wir die Verbindung zu unserer eigentlichen Herkunft verloren haben und dass dieser Verlust Leid erzeugt. Wir suchen Wege, uns wieder als Teil des Ganzen erleben zu können. 

Ich benutze gerne vereinfachend, die Begriffe der buddhistischen Tradition: „big Mind“ und „smal Mind“ bzw. „großer Geist“ und „kleiner Geist“.

  • Große Geist ist nicht-individuelles und nicht-duales Bewusstsein
  • Kleiner Geist ist dual und geprägt und geformt von unserer Geschichte.

Die beiden sind natürlich, so wie es in der Entwicklung von Yuan Shen zu Shi Shen beschrieben wurde, untrennbar miteinander verbunden. Bekannt ist die Analogie von der Welle und dem Meer. Wenn sich die Welle aber als getrennt vom Meer empfindet, dann ist sie nicht im Einklang mit der Realität und bekommt Probleme.

Stufen des Kontaktes mit dem Körper und der Welt

In der Begegnung mit uns Selbst und dem Körper unterscheide ich 3 Stufen:

  1. Körper und Selbst als äußeres Objekt (ohne Fühlkontakt)
  2. Körper und Selbst als inneres Objekt (mit Fühlkontakt)
  3. Körper/Selbst und Beobachter werden als „Feld“ wahrgenommen (Non-Dual, Resonanz)

Wir können uns selbst und unserem Körper tatsächlich wie einem äußeren Objekt begegnen. Das geht auch beim Taiji und Qigong ganz wunderbar und hat durchaus seine Berechtigung. Wenn wir unserer Körperhaltung korrigieren, dann interessiert es uns erst einmal nicht so sehr wie es sich von innen anfühlt. Die Hand z.B wird in diesem Moment behandelt wie ein Ding, das eben an der richtigen Stelle sein muss. Auch bei Kräftigungs- und Dehnungstraining müssen wir nicht unbedingt fein fühlen. Wenn unsere Praxis aber mit sehr wenig Innenwahrnehmung verbunden ist, dann fehlt natürlich etwas Wesentliches.

Auf der zweiten Stufe fühlen wir bewusst in unseren Körper. Wir begegnen unserem „Leib“. Auf dieser Ebene läuft meist die innere Arbeit beim Taiji und Qigong. Ein wichtiger Merksatz ist: Das Qi (Energie) folgt dem Ji (Aufmerksamkeit). Hier finde ich es sehr wichtig den Schülern zu erklären, dass das Nach-Innen-Fühlen, keineswegs einfach ist und für viele wieder gelernt werden muss. Durch die Prägungen unserer Kultur und individuelle und kollektive Traumen (s.o.) haben wir diese Fähigkeit verlernt. Auch ist es gut sich zu erinnern, dass die profitabelste Industrie im weltweiten Wirtschaftssystem Milliarden von Dollar investiert, um unserer Aufmerksamkeit auf Bildschirme zu lenken. Immer wenn wir in Bildschirme schauen sind wir nicht im wirklichen Kontakt mit unserem Leib und uns selbst. Wir wissen inzwischen, dass die Fähigkeit Focus zu halten und Aufmerksamkeit zu lenken von Generation zu Generation abnimmt.

Ich halte es für wichtig, dass wir uns klar machen (und Schülern erklären), dass das Wiedererlangen der Fähigkeit unsere Aufmerksamkeit zu lenken, ein entscheidender Punkt der Praxis ist. Ich bringe oft die Analogie zum Muskelaufbau. Wir können auch unseren Aufmerksamkeits-Muskel trainieren. Aber es braucht eben Übung und Wiederholung.

Ich selbst benutze Übungen, die für diesen Zweck besonders dienlich sind, denn wir können die Fähigkeit der bewusstem Aufmerksamkeitslenkung nicht nur in Meditationsübungen erlernen, sondern auch in bewegten Übungen. Es sollten dann erst einmal einfache Bewegungen sein, die im Laufe der Zeit komplexer werden dürfen. Wenn wir damit beschäftigt sind, komplexe Bewegungsabläufe zu verstehen, dann haben wir einfach nicht genug Bewusstseins-Ressourcen, um auch noch das innere Fühlen zu beachten. Stattdessen trainieren wir motorische Zentren in unserem Gehirn, die für komplexe Bewegungskoordination zuständig sind. Auch dies ist durchaus Wertvoll und wichtig zu üben. Aber wir sollten eben wissen was wir tun/wollen.

Es gibt auch Übungen bei denen die Lenkung der Achtsamkeit im eigenen Körper die eigentliche Übung ist. ( Inneres Qigong)

Eine einfache, aber wunderbare Übung, die hilft, den lebendigen gefühlten Leib zu erfahren ist der Body-Scan. Dafür habe ich eine Audioaufnahme gemacht, die meine Schüler nutzen können, um sie zu Hause zu praktizieren.

Auch auf der 2. Stufe ist der Beobachter und der Körper noch getrennt. Ich (was immer das sein mag) begegne meinem Leib.

Aber jedes Mal, wenn wir bewusst unsere Fühlaufmerksamkeit in den Körper lenken, dann erzeugen wir eine Brücke vom kleinen zum großen Geist. Denn der kleine Geist hält sich selbst aufrecht indem er in Gedanken, also Vergangenheit und Zukunft, zirkuliert und sich immer wieder dieselben Geschichten erzählt. Beim direkten Fühlen ist das anders, dieses geschieht immer im „Hier und Jetzt“ und damit berühren wir eine ursprünglichere Ebene unserer Existenz.

Auf der 3. Stufe löst sich die Polarität zwischen Beobachter und dem was beobachtet/gefühlt wird, auf. Oder besser gesagt, beide werden als Teil eines gemeinsamen Geschehens erlebt. Die Welle weiß nun, dass sie Teil des Ozeans ist, ist aber immer noch als Welle unterwegs. Wir empfinden die Schwingung dazwischen, die Resonanz des Lebens selbst. Dies ist zum einen ein Ziel von fortgeschrittenen Meditationstechniken im Daoismus und Buddhismus, kann aber auch schon am Ende des Body-Scans vorkommen. Nachdem wir den ganzen Körper mit der Fühlaufmerksamkeit durchwandert sind, liegen wir einfach da und fühlen wie alles zusammen schwingt. Das individuelle Bewusstsein ist dann einfach nur ein Teil vom Gesamtgeschehen.

Hier begleitet mich ein Spruch, von dem ich leider nicht mehr weiß, wo ich ihn gehört habe:

„Wo die Sprache aufhört, die Zungenwurzel entspannt und der Klang des Herzens hörbar wird, dort geschieht ursprüngliche Resonanz. „

Und hier kommt das Herz oder besser gesagt der „Herz-Geist“ (Xing) ins Spiel. Denn er kann beide Seiten der Dualität „halten“. Im Herzgeist können sich der große und der kleine Geist begegnen und wir wissen intuitiv, dass beide Teil des kosmischen Spiels sind und das die Essenz dieses kosmischen Spiels, Beziehung, Resonanz und letztlich Liebe ist.

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