Wenn ich mein Leben anschaue, dann scheint es, dass es verschiedene „Welten“ oder Zustände gibt, die ich kaum zusammenbringen kann.
- Welt: Ich schaue in den Bildschirm und sehe all
e das Leid, dasdas Leid, das wir Menschen erzeugen. Ich sehe die Ungerechtigkeit. Ich sehe Artensterben, Kriegsvorbereitungen und Menschen, die verhungern oder getötet werden. Ich sehe, dass das alles menschengemacht ist und dass es Menschen gibt, die aus Profitinteresse und Unbewusstheit dazu beitragen, dass sich diese Krisen verstärken. Ich werde wütend. Ich denke, ich muss kämpfen und meinen Beitrag leisten, um das Schlimmste zu verhindern. Zumindest sollte ich meine kleine Stimme erheben und das Falsche als das Falsche benennen.
- Welt: Ich schließe in meiner Meditation die Augen und fühle das Mysterium meines eigenen Bewusstseins. Ich bemerke, dass ich keine Ahnung habe, wer ich bin. Da sind Gedanken, Gefühle und Impulse, die durcheinanderwirbeln. Ich ahne, dass alles nur Erscheinungen
,in einem Ozean von Bewusstsein und Schwingungen sind. Ich weiß, dass,sich die individuelle Konfiguration namens Ralf,in nicht allzu ferner Zukunft wieder auflösen wird. Ich fühle die Tiefendimension meines Seins, das Dao.
- Welt: Ich fühle mich alleine und ungeborgen. Wohin gehöre ich eigentlich? Schon als Kind fühlte ich mich in meiner Familie einsam. Wirklich nährende zwischenmenschliche Nähe habe ich selten erfahren. Ich brauche Nähe zu Menschen. Mein Herz ist in der Tiefe verwundet. Mein Nervensystem schwingt im Zustand der Unsicherheit. Den kenne ich, seitdem ich auf der Welt bin. Bin ich so wie ich bin wirklich gewollt?
Es gibt bestimmt noch mehr Welten und am Ende sind natürlich alle miteinander verbunden. Jede Welt erfordert aber erstmal eine andere Art der Hinwendung. Die erste Welt braucht Handeln, also politisches und gesellschaftliches Engagement. Die zweite Welt braucht Stille und Innehalten, wie ich sie in der Meditation finde. Die dritte Welt braucht Nähe und Vertrauen zu den Menschen und vielleicht das Zulassen von altem Schmerz in der Traumatherapie oder die Begegnung mit lieben Menschen, denen ich mich ganz öffnen kann.
Die Wechselwirkungen zwischen den Welten sind Vvielfältig. Wenn ich z. B. die emotionale Verletzung in mir zu stark fühle, dann kann ich nicht gut meditierten und auch nicht gesellschaftlich wirksam handeln. Wenn ich mir aber in der Meditation näherkomme, dann kann ich mich auch den Menschen gegenüber mehr öffnen und die Begegnungen werden intensiver. Ich habe in meinem Leben manches Mal die eine Welt gegen die andere ausgespielt. Mit 16 Jahren war ich auf Klassenfahrt. Am Abend gab es eine Feier. Die anderen Jungs und die Mädchen konnten zu sanfter Musik zusammen tanzen. Ich war überfordert. Meine Unsicherheit war zu groß. Während die anderen zusammen tanzten und ihre ersten Erfahrungen mit Nähe und Intimität machten, flüchtete ich hinaus in den dunklen Wald und schaute mir die Sterne an. Der 16-Jährige Ralf dachte über den Sinn des Lebens nach. Ich stellte mir die ganz großen Fragen des Lebens. Aber viel lieber hätte ich im Arm eines Mädchens getanzt. Der Buddha sagt, dass Leid und Unerfülltheit zum menschlichen Leben dazugehören. Es ist unvermeidbar. Die Frage ist nur, ob wir durch diese Erfahrungen einen Zugang zu Erkenntnis und Mitgefühle bekommen oder ob die leidvollen Erfahrungen dazu führen, dass wir verbittert und dumpf werden. Vielleicht haben wir hier eine Wahl. Und am Ende wandelt sich vielleicht die Frage, ob ich gewollt bin in die Frage, ob ich bereit und offen für die Liebe und das Leben in allen Welten bin.
