Es scheint, ein umgekehrtes Verhältnis von Empathie und Schuld zu geben. Je mehr wir mit dem Thema Schuld zu tun haben und uns selbst oder anderen Schuld zuschreiben, desto weniger können wir Gefühle von Wärme und Empathie empfinden.
Ich möchte ein paar Beispiele auf drei Ebenen unserer sozialen Existenz nennen:
1. Gesellschaftlich-politische Ebene:
Wir in Europa bekommen den Konflikt im Nahen Osten in erster Linie durch die Medien vermittelt. Wenn wir der Meinung sind, dass die Palästinenser selbst schuld an ihrer Situation sind, weil sie durch das schreckliche Massaker des 7. Oktobers und andere terroristische Attacken, die Gegenreaktion ausgelöst und provoziert haben, dann kann das dazu führen, dass unsere Empathie für die Menchen in Gaza und für propalästinensische Aktivisten abnimmt. In Israel selbst, wo die Menschen ja direkt betroffen sind, stimmen viele, dem völkerrechtswidrigen Einsatz ihrer Armee, bei dem zigtausende Menschen getötet werden, zu. Sie haben das Gefühl, nur zurückzuschlagen bzw. eine gerechtfertigte Rache zu vollziehen. Viele Beobachter berichten von einem eklatanten Empathieverlust in Israel. Später werde ich noch beschreiben, was das mit Trauma zu tun hat.
Wenn wir uns, aufgrund der Informationen die wir bekommen, mit der anderen Seite solidarisieren und der Meinung sind, dass die Israelis die eigentlichen Schuldigen sind, weil sie seit Jahrzehnten palästinensisches Land illegal besetzt halten und jetzt mit einem absolut unverhältnismäßigen, genozidalen Gewaltexzess reagieren, dann kann das ebenfalls bewirken, dass unsere Empathie für das Leid und den Schmerz jüdischer Menschen abgespalten wird.
Die Philosophin Carolin Emcke nennt den Empathieverlust für die „Gegenseite“ asymmetrische Empathie. Je stärker sie am Wirken ist, desto schwieriger wird es die Kreisläufe des Leidens aufzulösen.
Wir sehen den Anderen nicht mehr in erste Linie als Mensch, sondern als Palästinenser, Juden, Russen, Kurden, Deutschen, Auslälnder oder was auch immer. Das ist der Stoff aus dem Krieg gemacht wird.
Ich finde in diesem Zusammenhang eine Bemerkung von Yuval Harari interessant. Er sagt, wie fatal es doch sei, dass selbst wir in Europa, es nicht einmal schaffen, über den Konflikt im Nahen Osten in einer respektvollen, nicht polarisierenden und versöhnlichen Weise zu sprechen. Wie sollen das dann die wirklich betroffenen, traumatisierten Menschen jemals schaffen?
2. Ebene der persönlichen Beziehungen:
Auch in zwischenmenschlichen Konflikten können wir ein ähnliches Muster entdecken. Eigentlich ist der Andere immer schuld an dem Konflikt. Es gibt Paare und Familien, die sich jahrzehntelang, ohne Empathie für den anderen, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen überziehen. Bis am Ende nur noch gefühlloses, ödes Land übrigbleibt. (Jetzt muss ich an das pulverisierte Land im Gazastreifen denken)
3. Ebene des Individuums:
Auch die sich immer weiter ausbreitende Krankheit der Depression kann man als Schuld- und Aggressionsthematik verstehen. Depressive Menschen fühlen im Allgemeinen, für sich selbst und für Andere, keine oder wenig emotionale Wärme und Empathie. Stattdessen ist da ein inneres Klima von Schuldzuweisungen, gefrorener Aggression und emotionaler Kälte. Depressiv sein bedeutet nicht traurig zu sein, sondern vor allem: nicht zu fühlen.
Auf all diesen drei Ebenen gibt es Konflikte, die jahrzehntelang verhärtet bleiben und unauflösbar scheinen. Um diese verhärteten Strukturen zu verändern werden schwer depressive Menschen inzwischen wieder mit Elektroschocks behandelt, um irgendwie das depressive Muster aufzurütteln.
Was hat das mit Trauma zu tun?
Aus psychologischer Perspektive kann man sagen, dass die Aufrechterhaltung der Schuldspirale mit den dazugehörigen Aggressionen, die Funktion erfüllt Gefühle von Trauer, emotionalen Schmerz und Verletzlichkeit zu vermeiden. Warum ist es so gefährlich, diese Gefühle zu fühlen? Hier kommen wir zum Thema Trauma. Trauma bedeutet, dass wir uns, ausgelöst durch spezifische Ereignisse oder durch traumaerzeugende Strukturen, dermaßen bedroht, verunsichert und überwältigt fühlen, dass wir absolut unfähig sind, eine Situation sinnvoll zu verarbeiten. Dann gibt es eine Notfallreaktion im Nervensystem: den Shut-down-Mechanismus. Das Fühlen von Emotionen wird abgeschaltet. Das betrifft vor allem Emotionen, die etwas mit Schmerz, Trauer und Verletzlichkeit zu tun haben. Gleichzeitig geben sich traumatisierte Menschen häufig selbst die Schuld. Und genau diese Schuld wird dann entweder nach innen (Depression) oder nach außen (wir werfen emotionale oder reale „Bomben“ auf andere, die es „verdient“ haben) gerichtet.
Der Sündenfall
Dieses Muster aus Schuld und Trauma durchzieht, so scheint mir, die Menschheitsgeschichte. Warum wurden wir noch einmal aus dem Paradies vertrieben? Ah ja, der Sündenfall. Sofort ging es um Schuld. War die Schuld bei Adam, weil er sich verführen ließ? Oder war Eva die Schuldige, weil sie Adam verführte? Oder war es doch die Schlange, das Böse schlechthin? Jedenfalls waren die Menschen jetzt in der Welt von Schuld und Scham angekommen und mussten das Paradies verlassen. Jetzt leben wir in Feindschaft auf einem steinigen Acker und müssen unter Schmerzen unsere Kinder gebären.
Wenn wir uns die aktuelle Weltsituation anschauen, sieht es nicht danach aus, dass wir Menschen irgendwas dazulernen würden.
Ausweg?
Der Ausweg ist theoretisch relativ klar. Es geht einerseits darum, dass ein Raum von Sicherheit entsteht, in dem Gefühle von Trauer, emotionaler Schmerz und Verletzlichkeit wieder gefühlt werden dürfen. Andererseits ist es wichtig, dass traumatisierte Menschen erst einmal aus der gefühlten Hilflosigkeit herauskommen und lernen, sich zu verteidigen. Dazu ist es wichtig, den oder die Täter als solche zu identifizieren.
Traumarbeit muss also auf der gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen und individuellen Ebene stattfinden.
Meine persönlichen Themen
Ich weiß wovon ich rede. Prägender Einfluss in meiner Familie war der deutsche Faschismus. Schuldzuweisung, Schuldabwehr und Aggression waren das beherrschende Thema. Der Preis war hoch: Beziehungsabbrüche und emotionale Kälte. Die Unfähigkeit, wirkliche Nähe zuzulassen.
Am Ende dieses Essays möchte ich berichten, welche Konsequenzen ich persönlich aus diesen Gedanken gezogen habe. Ich versuche, meine eigene Empathielosigkeit zu bemerken. Manchmal bin ich mir selbst gegenüber sehr wenig freundlich und kein bisschen einfühlsam. Ich kritisiere mich und bin hart zu mir. Inzwischen weiß ich, dass die harte Selbstkritik niemals Teil der Lösung ist, sondern dass sie meine Fähigkeit, mein Leben aktiv zu gestalten, verringert, indem sie mich schwach und unempathisch macht. Ich war so geschockt von den Gräueltaten, die die israelische Armee, gedeckt von meiner Regierung, in Palästina verübt hat, dass ich das Leid und den Schmerz jüdischer Menschen in meiner Wahrnehmung irgendwie etwas „heruntergedimmt“ hatte. Ich wurde innerlich hart und fest und diskutierte auch entsprechend polarisierend. Ich erzähle dies auch deshalb, weil ich glaube, dass viele Menschen in dieser Frage eine asymmetrische Empathie haben. Vielleicht die Perspektive, die ich hier einbringe etwas, um zu verstehen, wieso die Debatte so unversöhnlich bleibt. Ich kann nur sagen, dass es ein sehr berührender Moment für mich war, als ich meine Empathie wieder gleichermaßen für palästinisches und jüdisches Leid fühlen konnte. Mein Herz wurde weich.
Trotzdem müssen wir handeln!
Gleichzeitig, und das sei hier auch noch gesagt, sollte die Empathie, die wir für alle beteiligten Menschen fühlen, nicht dazu führen, dass wir Ungerechtigkeiten und bestehende Machtverhältnisse verwischen. Wo Menschen misshandelt und ausgebeutet werden, sollten wir handeln. Vielleicht geht das mit offenen Herzen? Ehrlich gesagt bin ich mir da selbst nicht so sicher und hoffe, dass wir alle gemeinsam weiterlernen können. Die Welt braucht engagierte handelnde Menschen, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen und Versöhnung.
